Der Zukunftsprozess der IGBCE

Michael Vassiliadis (Foto: Helge Krückeberg)

Die Welt um uns herum hat sich stark verändert. Wir erleben immer schnellere gesellschaftliche, technologische und ökonomische Umbrüche. Und zur Wahrheit gehört auch: die Gewerkschaften haben über die zurückliegenden Jahrzehnte an Prägekraft für die Entwicklung in unserm Land eingebüßt.Viele von uns haben das Gefühl, dass wir an der Schwelle zu einer neuen Zeit stehen – auch wenn wir noch nicht genau fassen können, was diese Zeit für uns bereithält. Alle unsere Branchen erleben auf die eine oder andere Weise derzeit einen tiefgreifenden Strukturwandel, der sich voraussichtlich auch in der Zukunft weiterfortsetzen wird. Angetrieben wird dieser durch technologische Innovationen und neue Geschäftsmodelle, sich wandelnde Unternehmensstrukturen und Wertschöpfungsketten sowie durch wachsende Anforderungen im Umwelt- und Klimaschutz. Neue Wettbewerber drängen auf den Markt, Handelsstreitigkeiten nehmen zu, die Wirtschaft wird krisenanfälliger, der oftmals zerstörerische Einfluss von Finanzinvestoren nimmt weiter zu. Auch die Arbeitswelt befindet sich im Umbruch. Belegschaften werden vielfältiger, Beschäftigungsverhältnisse zum Teil prekärer, Arbeitsabläufe verändern sich – ebenso wie die Bedürfnisse und Erwartungen unserer Mitglieder. Der demografische Wandel wird in den 2020er Jahren seine volle Wucht entfalten und der Generationenwechsel muss in unseren Branchen wie auch in unserer Organisation gestaltet werden. In vielen Bereichen geraten Tarifbindung und Mitbestimmung unter Druck. Tradierte Bindekräfte in unserer Gesellschaft sind brüchig geworden, die Konfliktlinien werden zahlreicher. Die deutschen Gewerkschaften – und nicht auch zuletzt die IG BCE – haben in den letzten Jahren enorme Kraftanstrengungen unternommen, um diese Veränderungen zu gestalten. Vieles ist dadurch erreicht worden, aber viele Fragen sind aber auch unbeantwortet geblieben.Mehr denn je müssen wir uns angesichts der tagtäglich vor unseren Augen stattfindenden Umbrüche die folgenden Fragen stellen:
  • Macht es die sich rasant verändernde Umwelt erforderlich, dass wir unser Selbstverständnis und unsere Handlungsweisen einmal ganz grundlegend auf den Prüfstand stellen?
  • Sind wir so, wie wir heute arbeiten und unsere Mitglieder vertreten, gut aufgestellt, um die Herausforderungen des kommenden Jahrzehnts und darüber hinaus anzugehen?
  • Und haben wir den Mut und die Kraft, die Beantwortung dieser Fragen in aller Konsequenz anzugehen?

Darum geht es beim Szenarien- und Strategieprozess „Perspektiven 2030+“. In einer offenen Herangehensweise und unter breiter Beteiligung wollen wir unterschiedliche Perspektiven und Erwartungen mit Blick auf die Zukunft zusammenbringen.

Wir wollen anregen, über uns und unsere Arbeit nachzudenken. Wir wollen daraus Schlussfolgerungen für unsere weitere Aufstellung und Arbeit ziehen. Und: wir wollen auch Impulse geben für die Zukunftsdebatte im Deutschen Gewerkschaftsbund.

Warum Szenarien?

Szenarien sind stets als Einladung zum Dialog zu verstehen, die wir aussprechen möchten, um gemeinsam mit unseren Mitgliedern zu diskutieren und zu Verständigungen darüber zu gelangen, was für die Zukunft von Bedeutung sein wird und auf welche grundlegenden Entwicklungsalternativen wir vorbereitet sein sollten.

Wir wissen heute noch nicht, wie das Handlungsumfeld der IG BCE in fünf, zehn oder gar zwanzig Jahren aussehen wird. Wir können die Zukunft nicht vorhersagen.

Hier wird bereits deutlich, dass es bei Szenarien nicht darum geht, die Zukunft vorherzusagen. Schon der Umstand, dass sie stets in der Mehrzahl auftreten, unterscheidet sie von der Prognose. Szenarien sind aber auch keine Utopien, die „in einem fernen Land in einer unbestimmten Zeit“ spielen. Und sie beschränken sich nicht darauf, die Zukunft zu beschreiben, die wir uns wünschen. Szenarien spielen im Spannungsfeld zwischen dem, was wir schon absehen können und dem, was noch sehr ungewiss ist.


Letztendlich wird es darum gehen, zum gemeinsamen Handeln zu kommen, denn Szenarien sind Geschichten über die Zukunft, aber ihr Zweck liegt darin, bessere Entscheidungen in der Gegenwart zu treffen.

Vier Szenarien zu künftigen Handlungsumfeldern der IG BCE

„Unter Druck“, „Smartes Wachstum“, „Neuland“ und „Tohuwabohu“ – so heißen die vier Zukunftsbilder, die im Szenarien- und Strategieprozess „Perspektiven 2030+“ der IG BCE erarbeitet worden sind. Die Titel vermitteln bereits einen ersten Eindruck davon, welche Herausforderungen für die künftige Entwicklung der Branchen in unserem Organisationsbereich, für hier arbeitenden Menschen wie auch für uns als Gewerkschaft in den einzelnen Szenarien beschrieben werden.

Der Weg der Entwicklung der Szenarien war ein ausgesprochen vielstimmiger. In einem beteiligungsorientierten Prozess sind hunderte von ganz persönlichen Sichtweisen, Erwartungen und Anliegen bezüglich der Zukunft unserer Organisation mit eingeflossen. Zu diesem Zweck wurde eine online-basierte Befragung mit zwölf offenen Fragestellungen durchgeführt, an der sich 225 Personen beteiligt haben, ergänzt durch zahlreiche Einzelinterviews. In einem Workshop wurden die Entwicklungen in unseren unterschiedlichen Branchen von der Grundstoffchemie bis zu den Sportartikelherstellern in den Blick genommen. Bei acht Zukunftsworkshops in den Landesbezirken, einem Workshop des Bundesjugendausschusses sowie weiteren Veranstaltungen mit Betriebsräten und Beschäftigten von Unternehmen in unserem Organisationsbereich wurden Fragestellungen diskutiert, die sich aus ersten Szenarien-Skizzen ergeben haben. Ein Moderatorenteam unter der Leitung der Abteilung Politik und Gesellschaft, dass sich aus Kolleginnen und Kollegen aus den Bezirken und der Hauptverwaltung zusammensetzte, wertete die Ergebnisse dieser einzelnen Stationen aus und verdichtete sie in den Erzählsträngen der vier Szenarien. Konzipiert und begleitet wurde der Prozess vom Berliner Institut für prospektive Analysen (IPA).

Unsere 4 Szenarien

Szenario I: "Unter Druck"

Der Wettbewerbsdruck nimmt zu, Marktanteile gehen verloren, die Gewinnmargen werden kleiner. Noch zehrt das Land vom „Polster“ einstiger Technologieführerschaft, von seiner noch immer vorhandenen Exportstärke, von seiner nach wie vor vergleichsweise stabilen Gesellschaftsstruktur. Doch die Anzeichen verpasster Entwicklungsmöglichkeiten sind unübersehbar. Zu lange wurde zu wenig in neue Produktionsanlagen und Geschäftsfelder investiert. Die Infrastruktur wird zunehmend marode, weil auch der Staat kaum in deren Erhalt investiert hat. Immer mehr Unternehmen konzentrieren sich auf ihr Kerngeschäft – oder werden angesichts schwacher Umsatzentwicklung zu Übernahmekandidaten. Im Zuge von Restrukturierungs- und Sparprogrammen sowie der Digitalisierung verschwinden deutlich mehr (gut organisierte und mitbestimmte) Arbeitsplätze als neue entstehen. Die soziale Schere hat sich weiter geöffnet, immer mehr Menschen fallen aus der Mittelschicht, kommen nur knapp über die Runden. Das gesellschaftliche Klima ist geprägt von Pragmatismus und einer gewissen Duldungsstarre. Angesichts schwindender Mitgliederbasis und Tarifbindung fokussiert sich die Gewerkschaftsarbeit zunehmend auf die Stärkung von „Tarifinseln“ und gut organisierten Betrieben. Zudem geht es darum, den wachsenden Anteil der unsicher und oft auch schlecht bezahlten Beschäftigten – in den an Drittfirmen ausgegliederten Tätigkeiten, in der Leiharbeit oder bei den über die Plattformen vermittelten Werk- und Dienstverträge – gewerkschaftlich zu organisieren.

Szenario II: "Smartes Wachstum"

Deutschland ist bei der Digitalisierung, der Erschließung zukunftsträchtiger Geschäftsfelder und der klimagerechten Transformation weit fortgeschritten – unter anderem, weil die Politik massiv in Forschung, Infrastruktur und die Beschleunigung von Innovationsprozessen investiert hat. Die Herausforderungen des Klimawandels werden nicht zuletzt durch Technologien „Made in Germany“ – Intelligente Fertigung, Elektroantrieb, Power-to-X-Speicher, Brennstoffzelle, klimaneutrale CO2-Verwertung – konsequent und erfolgreich angegangen. Deutsche Unternehmen gehören weltweit zu den Treibern dieser Entwicklung und feiern dementsprechend Umsatzrekorde. Der gesellschaftliche Wohlstand hat sich entsprechend entwickelt, allerdings sind Anforderungen und Leistungsdruck gestiegen. In einem Land der Technologieführer wächst auch der Bedarf an qualifizierten Fachkräften kontinuierlich. Entsprechend verändert sich die (potenzielle) Mitgliederbasis von Gewerkschaften – weiblicher, jünger, besser ausgebildet und internationaler. Gewerkschaften kommt zunehmend die Rolle zu, Teilhabe und sozialen Zusammenhalt im rasanten industriellen Wandel sicherzustellen. Dafür müssen sie weit über ihre einstigen Kernkompetenzen hinauswachsen und enger miteinander kooperieren – auch international.

Szenario III: "Neuland"

Vor dem Hintergrund immer massiverer Folgen des Klimawandels und anderer Umweltbelastungen haben viele Staaten der Erde die Notbremse gezogen – und Industrien und Wirtschaftsweisen einem sozial-ökologischen Transformationskurs unterworfen. Für die Unternehmen bedeutet das eine drastische Verschärfung von Umweltauflagen und Nachhaltigkeitsanforderungen. Geschäftsmodelle, die sich nicht umweltgerecht und sozialverträglich realisieren lassen, geraten ins Abseits – und damit hunderttausende Arbeitsplätze in Gefahr. Nachhaltige Produktionsweisen und Produkte werden Zug um Zug zur Voraussetzung für die Betriebsgenehmigung und den Marktzugang – in Deutschland und zunehmend auch in wichtigen Exportmärkten. Den Gewerkschaften – vor allem der IG BCE, die mit Blick auf die ökologische Nachhaltigkeit für hochgradig unterschiedliche Industrien zuständig ist – kommt in diesem tiefgreifenden Wandel die Aufgabe zu, für soziale Gerechtigkeit zu sorgen – und dafür, dass niemand von den Entwicklungen abgehängt wird. Da der Klimawandel und seine ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen von globalem Ausmaß sind, wird internationale Zusammenarbeit auch bei der Durchsetzung gewerkschaftlicher Interessen immer wichtiger.

Szenario IV: "Tohuwabohu"

Deutschland ist über zu schwache oder zu uneindeutige Problemlösungsversuche in eine tiefe Krise geraten. Weder ist eine ökologische Wende noch eine nachhaltige technologische Transformation der Industrie gelungen. Stattdessen ist das Land vollauf mit Schadensbegrenzung beschäftigt: Die Folgen des Klimawandels – Dürren, Missernten, gestiegene Preise für Verbrauchsgüter – sind im Alltag angekommen. Die Arbeitslosigkeit ist auf Rekordniveau gestiegen, weil viele Unternehmen angesichts schwächelnder Weltwirtschaft und fehlgeschlagenen Restrukturierungsmaßnahmen unrentable Geschäftsbereiche abgestoßen haben. Die Gesellschaft ist tief gespalten, das Vertrauen in die etablierten Parteien und Institutionen massiv beschädigt. Populistische Kräfte, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt weiter schwächen, erleben Zulauf. Zugleich entstehen aus der Mitte der Zivilgesellschaft Initiativen, die neue Lebens- und Wirtschaftsweisen erproben, die Unabhängigkeit von Krisen und staatlicher Unzulänglichkeit verheißen. Gewerkschaften müssen ihre Rolle in dieser chaotischen Situation neu definieren – denn in dem Maß in dem Tarifverträge und verlässliche Arbeitsverhältnisse auf dem Rückmarsch sind, ist der Bedarf an pragmatischen Formen und vor Ort gelebter Solidarität größer geworden.

Die Holo Filme beim Zukunftskongress

Erstmalig haben wir auf unserem Zukunftskongress mit Holo Filmen gearbeitet – sehr beeindruckend, wenn man im Raum sitzt. Im Film ist es natürlich nur 2 D – wegen der großen Nachfrage stellen wir sie aber trotzdem hier zum Download zur Verfügung. Die Dateien sind alle MP4-Dateien die alle über 300 MB groß sind!

Szenario 1 (350 MB)

Szenario 2 (300 MB)

Szenario 3 (510 MB)

Szenario 4 (342 MB)

Arbeitsmaterialien für die Szenarien

Perspektivenbuch Szenarien

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Szenarien und Leitfragen

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Langfassung Szenarien

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Erklärfilme Szenarien

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Erklärfilme Szenarien

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Kurzfassung Szenarien

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Kurzfassung und Leitfragen Szenarien

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Szenarienbilder

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Arbeiten mit Szenarien

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Wimmelbild

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